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im Zug von Berlin Lichtenberg nach Kiev,
Es ist heiß. Erdrückend heiß. Unglaublich, mit wie wenig Platz man hier auskommt. Das Abteil ist winzig, drei Menschen finden auf Liegen übereinander Platz. Wenn ich auf meinem „Bett“ sitze und den Arm ausstrecke, erreiche ich schon die Wand gegenüber. Ich weiß nicht, wie all das Gepäck hier drinnen Platz hat, denn wenn man vom Westen in den Osten fährt, dann nicht ohne Geschenke… vielleicht ist es das veränderte Bewusstsein für die Zeit, 24 Stunden scheinen verdammt lang zu sein. Wir fahren weit, weit fort, in eine andere Welt, wo in Zügen Teppich liegt und man sich die Nase nicht vor anderen Leuten putzt. Auf den Gängen steht man am Fenster rum, zum sitzen ist es zu eng. Und so vergeht ein ganzer Tag im Zug: mit einem Glas Tee, vom Schaffner zubereitet und einem Wechsel zwischen dösen, schlafen, rauchen, im Gang stehen, lesen…
Die erfahrenen Passagiere haben sich sogar Hausschuhe angezogen. Eine heimelige und gemütliche Atmosphäre.
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Polnisch/ ukrainische Grenze
Der Zug bekommt neue Räder. Wir hängen in der Luft rum und warten.
Als es weitergeht ( mit musikalischer Untermalung aus knackenden Lautsprechern), stelle ich mit Freude fest, dass hier wieder dieses alte „tadamtadam“ der Schienen zu hören ist, kein lautloses Gleiten, nein, es schaukelt sogar.
Draußen sind auffällig viele Birken und Vogelbeerbäume und immer wieder kleine Gemüse-und Blumenfelder an den Gleisen zu sehen. Dort, wo man bei uns riesige Felder kennt versteckt sich hier, in den Wald eingebettet, der Privatanbau.
Es gibt streunende Hunde, die ihr Mittagsschläfchen an Bahnhöfen halten.
Wenn wir längeren Aufenthalt haben, dürfen wir auch mal aussteigen und uns die Beine vertreten. Ukrainische Mütterchen, die genau wissen, wann der Zug kommt, verkaufen leckerste, frisch zubereitete Pelmeni und andere Speisen, Obst und Gemüse- direkt am Zug.
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Ceraii/ Koselez
Raus aus’m Zug, die Rucksäcke oben auf’s Dach des Ladas geschnallt, geht’s von Kiev nach Ceraii. Das Auto fährt mit Gas. Wir genießen es, nach der stickigen Zugluft endlich einmal Fahrtwind zu haben. Dazu gibt es Wassermelone. Normalerweise mag ich die nicht, aber die hier sind erste Sahne!
Landleben pur, mit Hühnern auf dem Hof, Plumpsklo und Frauen in Rock und Kopftuch, die an der Straße ihre Ernte verkaufen. Es gibt eine Kuh mit Kalb, einen hyperaktiven Hund, eine Katze und ein humpelndes Huhn. Haustiere sind hierzulande reine Nutztiere. Die Kuh gibt Milch, die zu Käse verarbeitet wird, der Hund dient als Türklingel, die Katze als Mausefalle.
Wir helfen Bohnen schnipsen, Kartoffeln buddeln, Rüben ernten.
Es gibt kein fließend Wasser, sondern einen Brunnen. Zum Wäsche waschen (mit Hand) oder Zähne putzen wird das Wasser auf dem Herd erwärmt. Ein Bad gibt es nicht, die Küche reicht. Und ich merke schon nach ein paar Tagen, dass es sehr gut tut, dieses ganze bunte Konsumgut nicht immer um mich zu haben.
Hier im Haus, welches die Großeltern Stein für Stein selbst gebaut haben, dudelt im Hintergrund immer das Radio-klassische Musik aus knisternd- knackenden Lautsprechern. Wir werden gut umsorgt und bekocht. Bereits zum Frühstück gibt es Bratkartoffeln mit Speck und Knoblauch in rauen Mengen. Allein diese eine Mahlzeit kann den ganzen Tag lang satt machen. Die Kaffeekultur hat sich in der Ukraine noch nicht etabliert, es gibt nur löslichen Kaffee. Man trinkt schwarzen Tee mit viel Zucker und Zitrone- auch lecker.
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Kiev
Nach Kiev fährt man von Koselez auf einer laaaangen Straße. Es gibt zwar Bushaltestellen, aber keinen wirklichen Fahrplan. Viele Privatunternehmer haben sich Kleinbusse/Transporter ausgebaut, sogenannte Gazellen. Damit fahren sie täglich mehrere Male nach Kiev und zurück. Will man mitfahren, stellt man sich irgendwann, irgendwo an die Straße und hält die Hand „per Anhalter“. Je nachdem mit wem man fährt, braucht man 45Minuten- 1Stunde und ist in Kiev. Man kann den Fahrer jederzeit bitten anzuhalten und muss nicht auf eine bestimmte Haltestelle warten „an dem Baum da vorne“ reicht vollkommen.
Kiev hat ein Metronetz, ähnlich dem der Berliner U-Bahnen, allerdings nicht so linienreich. Es gibt nur vier. Alle zwei Minuten fährt eine überfüllte Bahn. Zu den Stoßzeiten bewegt man sich in einer Menschenmenge in Tip-Top-Schritten, wird eher geschoben, als dass man läuft.
Die Metroschienen befinden sich tief unter der Stadt und man gelangt auf sehr steilen, schnellen Rolltreppen in den Untergrund.
Kievs Architektur sieht auf den ersten Blick sehr ostig aus. Nach und nach entdeckt man zwischendrin die goldenen Kuppeln der Kirchen- sehr interessante Mischung.
Irgendwas ist anders. Mich erinnert viel an Berlin, an die Großstadt zu Hause, aber etwas fehlt- das Multikulturelle. Hier sind- so scheint es zumindest- nur Ukrainer und Russen unterwegs.
Von Krestschatik (einem berühmten Aussichtspunkt) haben wir einen gigantischen Ausblick auf den Dnjepr, der Kiev teilt.
Sozialistische Denkmäler in Übergröße erinnern mich daran, welche Politik dieses Land regierte.
In Kiev werden die kleinen, sonst so typisch ukrainischen Märkte und „Tante-Emma-Läden“ immer mehr von großen Hypermärkten verdrängt. Der Westen ist hier das große Vorbild und wer kann, trägt sein Handy stolz um den Hals. In der Ukraine ist der Unterschied zwischen Ober- und Unterschicht deutlich sichtbar. Und es ist ein seltsames Gefühl, dass wir hier mit unserem Geld schon fast reich sind.
Schuhe von „Adibasi“, CD’s für fünf Euro. Eine Stange Zigaretten kostet soviel, wie zu Hause eine Schachtel…..
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Hursuf/Krim
Von Kiev fahren wir über Nacht 14 Stunden mit dem Zug auf die Halbinsel Krim. Der Zug ist bedeutend angenehmer, hier schläft man zu viert in einem Abteil, jeweils zwei Leute auf einer Seite übereinander. Auf den Gängen ist Platz zum sitzen und die Fenster lassen sich öffnen.
Je weiter wir uns dem Ziel nähern, desto schöner wird das Wetter, immer mediterraner.
In Simferopol endet die Zugfahrt und wir fahren noch zwei Stunden mit einem alten O-Bus weiter. Direkt ans schwarze Meer. Wir sind umgeben von Bergen, die immer größer werden.
Als wir mit unseren großen Rucksäcken das kleine Städtchen betreten, sind wir sofort umgeben von Einheimischen, die uns Quartiere anbieten. Darüber braucht man sich also keine Sorgen zu machen, man findet schnell eine schöne und günstige Unterkunft.
Hursuf ist eine kleine Heilbadsiedlung an der Südküste der Krim.
Die Krim ist für Ukrainer und Russen ein beliebtes Ferienziel. Es gibt viele Hotels, viele Baustellen an denen neue Hotels entstehen und Strände, die gebührenpflichtig und dicht belegt sind…..aber wenn man sucht, dann kann man auch Glück haben.
Wir entdecken einen geheimen Pfad, der uns direkt auf das Gelände von Artek, einem Kurort für Kinder, führt. Es gibt hier viele solcher Erholungsareale. Zum Glück ist Nebensaison, sodass uns Niemand kontrolliert. Hier finden wir einen wunderschönen Strand zum baden, Steine sammeln, ausspannen.
Für die Mahlzeiten holen wir uns jeden Tag frisches Obst und Gemüse auf dem Markt. Es macht Spaß, nicht in einem Supermarkt einzukaufen, mit den Händlern zu schwatzen und es ist soooo lecker.
Die besten Wasser-/und Honigmelonen meines Lebens. Wir schleppen jeden Tag mindestens eine die steilen Berge hinauf zu unserem Quartier.
Man kann hier auch Ausflüge mit dem Boot machen. Wir fahren also nach Yalta. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Rechts die gigantischen Berge, in die eingebettet die Wohnhäuser und Hotels liegen, links das weite, offene Meer, wo ich sogar einen Delphin entdecke, herrlich!
Yalta ist das beliebteste Heilbad der Ukraine, das Zentrum der Südküste der Krim. Hier spüren wir den Tourismus, der zur Krim gehört, so sehr, dass wir uns schnell wieder in unser gemütliches Hurzuf zurückziehen. Aber vorher gehen wir natürlich noch auf den Markt.
Märkte sind typisch ukrainisch. Es gibt Lebensmittelmärkte, aber auch Textil-, Schuh- und Hauswarenmärkte.
Alte Frauen sitzen mit Säcken voller Sonnenblumenkerne ( wahlweise gesalzen oder ungesalzen) am Straßenrand und verkaufen, es gibt Stände voller Trauben, frischer Pfirsiche, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Melonen, Äpfel, Trockenfrüchte,…alles duftet und man kann einfach nicht vorbeigehen, ohne wenigstens einen Granatapfel auf die Hand mitzunehmen.
Wir gehen in einen Fleischmarkt. Eine große Halle in der Berge von totem Tier auf den Tischen liegen…..ich bin den Anblick von soviel rohem Fleisch nicht gewöhnt. Zu Hause ist doch immer alles hübsch abgepackt. Aber hier kann man sich genau das Stück aussuchen, was man will und es wird einem mit einem freundlichen Zwinkern sogar schon kleingeschnitten. Das angenehm Persönliche macht den Anblick wieder wett. Wir nehmen Lamm, es soll Schaschlik geben.
So vergeht die Zeit im Flug, zurück geht’s wieder mit dem Zug.
Aber es ist hier nicht so einfach mit dem kaufen einer Fahrkarte. Als wir den ersten Versuch starten, unsere Tickets nach Kiev zu kaufen, werden wir mit einem Lächeln wieder weg geschickt. Karten für nächste Woche? Die gibt’s erst drei Tage vor der Abfahrt!
Drei Tage vor Abfahrt also, stehen wir wieder in der langen Schlange an. Auch das ist in der Ukraine etwas Ungewöhnliches. Warteschlangen funktionieren nach dem Prinzip, wer am besten vordrängelt kommt auch als erster dran. Nervenaufreibend. Aber irgendwann sind wir dann dran. Karten für den Nachtzug? Die gibt es erst ab 14Uhr…..
Schließlich haben wir sie und können die letzten Tage Hochsommer im Herbst geniessen.
Zurück auf dem Land besuchen wir noch einige Verwandte und ich lerne, dass das Überleben hart sein kann. Der Onkel hat eine Familie mit zwei Kindern. Um sie ernähren zu können, arbeitet er als Wachmann in 24h-Schichten.Nach einer Schicht hat er zwei, drei Tage Pause. Den nutzt er und bewirtschaftet , zusammen mit seiner Frau ( die auch noch einen Job hat), den Garten. Das heißt: Kartoffeln, Gurken, Kohl, Rüben, …anbauen, großziehen, pflegen, ernten, die Hasenzucht betreuen, die Ernte einkochen. Am Wochenende waren die vier in den Pilzen. Was bei uns zu Hause ein reines Vergnügen ist, ist hier ernsthafte Nahrungssuche. Ich weiß nicht wie viele Pilze das sind, aber ich glaube, so viele habe ich noch nie auf einmal gesehen. Und nach dem stundenlangen Suchen müssen sie alle noch geputzt und eingekocht werden, als Vorrat für den Winter.
Obwohl noch viel zu tun ist, muss Zeit sein für den Besuch. Wir bekommen selbstgebrannten Wodka, dazu gibt es Speck, Brot, Gemüse. Einen Wodka kann ich ja trinken, denke ich, aber ein Wodka sind hier drei Gläschen, da gibt’s keine Widerrede... Überraschenderweise vertrage ich das sehr gut.
Es gibt noch viel zu erzählen, aber ich lasse es bei diesem Ausschnitt. Wer mehr wissen will soll fragen :-)
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