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04.06.2009

Reise in die Vergangenheit

Kontinent

Asien

Land

Jemen

Reisezeit

Dezember 2005 bis Januar 2006

Route

Mit Djoser durchs Land

Jemen
Es war unglaublich. Ein unvergessliches Reiseerlebnis.
Der Jemen bestand ja bis 1990 aus zwei Gebieten. Der Süden nach Abzug der englischen Kolonialtruppen sozialistisch, der Norden beherrscht von verschiedenen Stämmen. Bis Anfang der 70ger wurde der Norden regiert von einem Imam, der das Land total abschotten lies beherrscht, dann ab 1970 von einer, den Stämmen gegenüber fast machtlosen Zentralregierung in Sana’a.
1990 dann die Gründung der Gesamtjemenitischen Republik.
Der Süden ist dem Norden weit voraus, weil während der sozialistischen Zeit Frauen und Männer alphabetisiert wurden, ein Gesundheitssystem aufgebaut wurde usw..
Der Norden steckt trotz Handys und PKWs noch immer in mittelalterlichen Schuhen, und das macht den Reiz des Landes aus. Außerdem bietet der Jemen ( so groß wie Frankreich) sehr abwechslungsreiche Landschaftsbilder und im großen und ganzen wunderbare, kauzige, schönen Menschen. Du wirst sehen:
Links siehst du eine Ansicht von Sana’a, mit Recht UNESCO - Weltkulturerbe. Die Altstadt von Sana’a ist nach meiner Einschätzung um einiges größer als Brive. Kein Haus sieht aus wie ein anderes. Die Straßen sind sehr eng, so dass der Autoverkehr nur begrenzt möglich ist. Die Häuser sind erstaunlich hoch und aus Lehmziegeln gefertigt. Die Dächer sind verziert und gekalkt, was wie Zuckerguss aussieht. Die Fenster sind meistens aus buntem Glas oder mit Lehm verschnörkelt.
Die gesellschaftlichen Strukturen haben für uns einen gewöhnungsbedürftigen Charakter. Jede, aber auch wirklich jede Frau geht nur schwarz verschleiert auf die Straße. Nun könnte man ja meinen, die Armen. Aber die Jemenitinnen bedauern uns, die westlichen Frauen, weil wir so den Blicken der Männer ausgesetzt sind. Und ich sage dir, mit Recht!! So manches mal habe ich mir eine schwarze Kluft gewünscht.
Am ersten Tag in Sana’a hatte ich meine Schirmmütze auf dem Kopf. Es war ein Spießroutenlauf durch neugierige, leicht spöttische Männerblicke. Fortan habe ich immer Kopftuch getragen ( siehe Foto). Im Vorfeld habe ich mir schon vom Flohmarkt weite Herrenhemden gekauft, weil ich wusste, dass jedes Abmahlen von Körperformen anstößig wirkt. Mit Kopftuch und immer wieder locker gezupften Hemd immenser Größen ging es dann. Allerdings konnte ich mich nicht überwinden meine roten Haare ganz zu verstecken und rote Haare sehen die Menschen in dem noch immer sehr isolierten Land nicht oft. Manches mal habe ich mich nach der Anonymität gesehnt, die beim Bummel durch Hamburg selbstverständlich ist.
Aber man gewöhnt sich auch an das ständige: Where are you from? Whats your name.
Neugierig halt, aber im großen und ganzen nett und freundlich.
Ab Mittag wird im Jemen Qat verkauft, das sind Blätter eines Baumes, die vielleicht so
wie COCA wirken. Jeder, aber auch wirklich jeder Mann im Jemen kaut das Zeug. Die Blätter werden zerkaut und dann in die Wange geschoben. Am fortgeschrittenen Nachmittag bekommt man den Eindruck, dass die gesamte jemenitische Männerwelt einen Zahnarzt nötig hat. Die Männer werden vom Qat etwas lethargisch, fand ich. Trotzdem hatten Autofahrer, Militärs, Polizei... alle hatten dicke Backen!
Nach einem Tag Sana`’a brachen wir mit drei Jeeps zu unserer Rundtour auf, die über
4000 KM gehen sollte. Erstes Ziel: Sadah, im wilden Norden. Wir wurden von Militärs begleitet, da es hier Auseinandersetzungen zwischen dem Scheich und der Regierung in Sana’a gibt. Sadahs Architektur ist anders als die in Sana’a. Es ist Lehm pur, zu langen Würsten geformt, was eine glatte Struktur ergibt. Auf dem Bild siehst du die Stadtmauer, die die ganze Stadt umschließt. In Sadah gab es ein nettes Erlebnis. Dazu muß ich nochmals etwas zum Thema Frau erklären. Frauen und Männer wachsen relativ getrennt auf und auch nach eingehen der Ehegemeinschaft sieht man häufiger Männer mit Männer Hand in Hand gehen, als Frauen und Männer. Die Frauen bleiben ebenso meist unter sich, in der großen weiblichen Familiengemeinschaft: Tanten, Mütter, Cousinen etc.. Ab dem zwölften Lebensjahr wird geheiratet, häufig in der Verwandtschaft ( Cousine/Cousin etc). Im Zusammenleben Frau/Frau, Mann/Mann ändert das aber nicht viel. Die Männer haben , meist in der obersten Etagen der traditionellen Häuser ihren Qatraum, wo man sich zum Kauen und Plauschen trifft, die Frauen ihr Frauengemach, wo sie in hübschen Kleidern, aber mit offen gebundenen Kopftuch sitzen und Teetrinken und sich des Lebens freuen.












Frauen zu fotografieren ist verboten. Habe ich natürlich hier auch nicht gemacht. Mancherorts dann aber doch mal heimlich.
Am fünften Tag mussten sich unsere Jeeps 3000 m hoch quälen, über eine schmale Schotterpiste, immer kurz vor dem Absturz in die Tiefe. Hat sich aber gelohnt. Shahara ist ein Bergdorf und die Landschaft drumherum einfach atemberaubend.
Wir haben dann hier in einem höchst einfachen Funduk mit 8 Leuten im Raum auf Matratzen übernachtet. Hatte durchaus auch seinen Charme.
Am nächsten Morgen starteten wir dann nach Hajja, auch ein Ort hoch in den Bergen. Hier erwischte mich ein Magenkatarr, der mich eine Zeit lang aus dem Gefecht setzte. Richtig fit war ich dann wieder am 8. Reisetag, da fuhren wir weit in den Westen, nach Marib ( wo gerade die Italiener verschleppt waren). Bei Marib soll die Königin von Saba gelebt haben und wir schauten uns zwei Ausgrabungsstätten und einen Staudamm , der im 6Jh. v. Ch. von den Sabäern erbaut wurde
( Weltwunder), an. Der ist aber seit vielen hundert Jahren nicht mehr in Betrieb.
Am nächsten Tag erwartete uns ein Höhepunkt der Reise: 450 KM durch die Wüste!! Um 4:30 wecken, Sonnenaufgang in der noch kalten Wüste, Teepause bei Beduinen ( wir hatten zur Sicherheit einen Beduinen dabei, dafür musste der Veranstalter 250 USD an den örtlichen Scheich berappen). Es war überwältigend, ich liebe die Wüste, die weite, die Farben. Es wurde auch nie langweilig. In einem Ort am Eingang zum Wadi Hadramauth bekamen wir Kamelfleisch vorgesetzt, das war dann nicht meine Geschmacksrichtung.
Ein Wadi ist ja eigentlich ein Flussbett. In der Regenzeit kann da viel Wasser hereinstürzen. Dieses Wadi ist aber ein fruchtbares Tal mit vielen Palmen und wundervollen Orten.
Hier, in Sejuhn konnten wir mal 3 Tage am Stück bleiben, in einem Hotel mit Pool!!!
Selbstverständlich machten wir aber Ausflüge in die Umgebung, wobei der bemerkenswertste nach Schibam ging, auch UNESCO – Weltkulturerbe. Schibam wird auch klein Chicago genannt. Es ist nämlich eine Siedlung aus Wolkenkratzern die 400 – 600 Jahre alt sind und aus Lehm.
Selbst die Minarette werden überragt.
In den engen Gassen leben Mensch und Tier direkt beisammen. Am Dorfplatz sitzen Männer ( mit dicken Backen) auf dem Boden und spielen in größeren Gruppen Domino.
Du siehst, ein exotischer Anblick jagt den anderen.
Nun freuten wir uns alle auf den Indischen Ozean. Bei Mukalla sollten wir eine Nacht in einem Bungalowhotel verbringen. Leider haben Flöhe jenes Hotel auch zum gleichen Zeitpunkt gebucht und uns ein wenig gepisakt. Das Baden im Meer hingegen war ein Genuss. Die lebhafte Stadt mit einer sehr langen und gepflegten Strandpromenade gefiel mir ausnehmend gut.
Unser nächstes Fernziel war Aden, der ehemalige britische Militärhafen und die spätere Hauptstadt des sozialistischen Jemen. Etwas enttäuschend für mich, da ich ( wieso eigentlich ? ) ein zweites Shanghai erwartet habe. Keine schönen Kolonialprachtbauten, eher britisch anmutende Arbeiterreihenhäuser. Im Freihafen jedoch, konnten wir unser einziges alkoholhaltiges Bierchen während der Reise genießen. Wir saßen am Hafenrand, mit Blick auf ein dickes Containerschiff, die Luft war lau, ein feiner Abend. Alkohol ist im Jemen gegen Strafe verboten ( sie haben ja ihr Qat).
Den nächsten Ort, Taiz, genieße ich in vollen Zügen. Die drittgrößte Stadt des Jemen hat ein prima Klima und ist einfach schön. Es gibt einen großen Basar und einige Boulevards. Die Leute waren ausnehmen nett. Ein Erlebnis:
Ich stehe an einer Verkehrsstraße und möchte eine historische Zigarrenfabrik knipsen. Da kommen einige verschleierte Schülerinnen vorbei und bitten „ßora“, was soviel wie “Mach mal ein Foto von uns“ heißt. OK, ich mache ja gerne Fotos, nur verdichtete sich die Anzahl der fotografierwilligen und neugierigen Mädchen in unabsehbarer Geschwindigkeit. Mir wurde ganz mulmig, ein paar männliche Passanten sorgten dann dafür, dass die Schülerinnen den Heimweg antraten und ich weitergehen konnte.
War aber lustig, fand ich.
Die Kinder im Jemen haben einen enormen Charme, sind fast alle kleine Schönheiten und alle wollen ßora oder einen Collum (Kuli) bekommen.
Bin beim überlegen, ob ich bei Piana mal Kinderfotos aus dem Jemen ausstelle. Mein Fotopotential an Kinderbildern ist recht umfangreich. Mal sehen.
Nun müssen wir uns auf einen Klimawechsel einstellen, wir fahren in die Tihama. Dort herrscht afrikanisches Klima und, wie wir feststellen konnten, auch afrikanische Bauweise (Rundhüttendörfer) sowie ein großer Bevölkerungsanteil an farbigen Jemeniten.
Zuerst machten wir in Al Mukha halt. Eigentlich ein Nest, früher ein wichtiger Handelshafen für Kaffee und Namensgeber für den berühmten Mocca.
Wir wohnten wieder in einem Bungalowdorf, diesmal am Roten Meer und flohfrei.
Habe feine Muscheln gefunden und den schönsten Sonnenuntergang dieses Urlaubes erlebt.
Aber leider, so dachten wir, mussten wir weiter, wieder ins Gebirge, Manaka heißt der Ort.
Ein erster Abendspaziergang hat mich allerdings versöhnt, es handelte sich mal wieder um eine Perle, der Kette unserer Reisestationen. Von Manaka blickten wir auf die Gipfel in der Ungebung. Auf jedem dieser Gipfel „klebte“ ein Dorf und das faszinierende an der Architektur des Jemen ist, dass die Baumaterialien aus eben dieser Landschaft stammen und sich die Dörfer somit nahtlos an das Landschaftsbild einpassen.
In Manaka „feierten“ wir auch den 24 Dez.!
Abends wurde uns auf dem Fußboden des Stilvollen Qatraumes unseres Funduks ein Festmahl aus Spaghetti, Rührei, Okragemüse und Fladenbrot serviert. Stephan, ein Mitreisender hat im Anschluss aus einem Buch von Rüdiger Neeberg vorgelesen. Es war ein schöner Heiliger Abend.
Die letzten beiden Tage haben wir dann noch in Sana’a verbracht.
Eigentlich hatte keiner Lust die herrliche Bergwelt zu verlassen, in Sana’a allerdings waren wir uns einig, gut noch mal hier gewesen zu sein. Mit den Reiseeindrücken konnten wir das Kleinod einer Hauptstadt doppelt wertschätzen.

merri-b-k