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23.05.2006

Downunder - Melborne - Darwin

Kontinent

Australien

Land

Australien

Reisezeit

August 2000 bis November 2000

Route

MELBOURNE - Broken Hill - Innamincka - Birdsville - Alice Springs - Docker River-Sandy Blight - Canning-Papunya Rd. - Canning Stock - Kidson Track - Sandfire Roadhouse - Broome - Beagle Bay Mission - Cape Leveque - Derby - Windjana Gorge - Kakadu
DARWIN

DOWN UNDER - Von MELBOURNE nach ALICE SP

Vorbereitung in Melbourne
„Warum kommst Du nicht einmal zu uns nach Aussieland?“ hatte mich Thomas, mein Freund und Geschäftspartner aus Melbourne, bei seinem letzten Deutschlandauf-enthalt gefragt.

Jetzt stehen wir beide an einem regennassem Augustmorgen am Hafen und warten auf den Container, in dem mein HDJ 80 – „Klötzchen“ 6 Wochen lang hierher geschippert ist. Alles ist in Ordnung und auch der offensichtlich frierende Beamte der Gesundheitsbehörde hat nichts auszusetzen. Nicht einmal eine halbe Stunde später sind wir linksseitig unterwegs nach Research VICROAD. Die weit aufgerissenen Augen meines „Gegners“ im ersten round-about erinnern mich nachhaltig daran, in Zukunft nach links in den Kreisverkehr einzufahren.
Reiner BERG/Iserlohn hatte mir bei der Montage des Zusatztankes und der 9.00 Bereifung geraten, den Reservereifen auf dem Tank zu montieren; am nächsten Tag steht die geniale Lösung dieses Problemes neben mir auf dem Parkplatz: KAYMAR! Schon für den folgenden Tag bekomme ich von Ken einen Termin zur Montage seiner modifizierten Stosstange mit schwenkbarem Reserveradhalter. Die Reifen-größe sowie das stattliche Gewicht von ca. 55 kg einschließlich Felge beeindrucken ihn schon. Auch das SCHMUDE-Dachzelt findet seinen ungeteilten Beifall.
„Wegen Deines Fahrwerkes wendest Du Dich am besten an Sam von ARB. Die haben das Richtige für Dich!“ Sam rät mir zu S-Heavy-Duty-Federn (+100 mm), OME Dämpfern und hinteren Zusatzbalgen mit regelbarem Luftdruck.

Unterwegs
Thomas, Andrea und Hexe verabschieden mich am nächsten Tag; Thomas wohl mit einem weinenden und einem lachendem Auge. Zu gerne säße er neben mir. Bei strahlendem Sonnenschein fahre ich auf dem Maroondah Hwy.-34- nach Norden; bei Benalla stoße ich auf den HUME Hwy, einen der beiden freeways, die Melbourne mit Sydney verbinden. Als ich kurz hinter Albury die Brücke über den Lake Hume befahre, wird es bereits dunkel. Es regnet und ist ziemlich kalt; das Dachzelt bleibt zu und ich bei HERBS&HORSES in der Nähe von Wodonga über Nacht. Jane findet das gut; sie hat nur wenige Gäste in dieser Jahreszeit: Zwei frierende Koreaner, eine Finnin und ein grosses Rotes Känguruh drängen sich vor dem Kamin zusammen; alle auf Stühlen, das Känguruh auf dem Sofa.
Der Morgen zeigt sich kühl, jedoch ohne Regen. Über Jingellic, Towong und Khancoban geht es in den südlichen Teil des KOSCIUSKO N’l Park. Die zahlreichen, engen Kehren auf stetig ansteigender Straße lassen nur selten den Ausblick genie-ssen. Das Asphaltband geht über in einen lehmigen track. Eine Hinweistafel fordert zum Aufziehen der Schneeketten auf! 5 KM weiter und ca. 600 m höher weiss ich dann auch warum! Erst ein wenig Schnee rechts und links, dann eine geschlossene Schneedecke. Die grobstolligen Pirellis sind gute Schneewanderer, jedenfalls bergauf. Auf dem Pass bei ca. 1850 m angekommen relativiert sich dieser Eindruck jedoch schnell. Der PKW mit der wehenden Russwolke von vorhin fährt rasselnd an mir vorbei. Ich schleiche im ersten Gang die enormen Gefällstrecken hinunter und fühle mich überhaupt nicht wohl. Erst als die Asphaltstraße wieder sichtbar wird, beginne ich die Schneelandschaft zu geniessen.
Die Zahl der Fahrzeuge mit Skigepäck auf dem Dach nimmt zu: Ich fahre durch Australiens einziges Wintersportgebiet, die Snowy Mountains. Als Tumut erreicht ist, hat sich auch jedes Anzeichen für Schnee verflüchtigt. Auf dem Mid Western Hwy. geht es durch endloses Farmland weiter nach Westen, um dann bei Hay auf den Stuart Hwy. in Richtung Mildura abzubiegen. Obwohl das Städtchen mit seinem Einkaufszentrum alle Annehmlichkeiten bietet, ziehe ich es vor, ohne Aufenthalt weiter zu fahren. Silver City Hwy heißt nun die 79, die erst in Tibooburra enden wird. Fast 300 KM führt der Hwy. schnurgerade nach Norden, nach Broken Hill. Die reichen Silber-Blei-Zink-Vorkommen, die Charles Rasp hier um 1883 entdeckte, liessen eine wohlhabende Stadt im Kolonialstil entstehen. Ich lerne dieses hübsche Städtchen näher kennen auf der Suche nach einer Toyota-Werkstatt; die ABS-Leuchte zeigt an, dass das System seine Funktion eingestellt hat, hier draussen sicherlich zu verschmerzen, jedoch trotzdem störend. Schräg gegenüber der Post finde ich sie. Das fremde Nummernschild, die Reifengröße und das Dachzelt bewirken einen sofortigen Arbeitsbeginn. Neben mir steht Frank, Eigentümer eines martialisch ausstaffierten HZJ 75: Riesiger Suchscheinwerfer auf der Kabine, Gewehrauflagen an beiden Türseiten, eine stählerne bull-bar, die sicherlich auch afrikanisches Großwild tief beeindruckt hätte.
Frank war früher auf der Mine beschäftigt; nach seiner Entlassung wurde er Känguruh-Jäger und zieht heute drei- bis viermal pro Woche auf nächtliche Jagd. Seine Jagdbeute verkauft er an Schlachtereien, für gutes Geld, wie er bemerkt.
Bis Tibooburra sind es 350 KM. Frank rät mir noch, über White Cliffs zu fahren, einer Siedlung, deren Einwohner zum grössten Teil mit der Suche nach Opalen Ihren Lebensunterhalt verdienen und praktischerweise gleich in Höhlen wohnen. Ich be-schliesse, daß ein nächstes Mal zu einem Besuch geeigneter sei, und stehe nach 5 Stunden in dem Pub, den ich auf Tibooburra’s einziger Straße finde. Das erste, eiskalte Bier zahle ich noch selbst, die unzähligen, folgenden darf – und später muss - ich auf Einladung der anwesenden Gäste trinken. Nach drei Stunden kenne ich fast alle Bewohner des Distrikts. Nette Leute, und unglaublich trinkfest!

Strzelecki Desert
Nur eine Stunde weiter nördlich fahre ich durch das Warri Gate, ein Bestandteil des Schutzzaunes, der von den Farmern in einer Länge von fast 3500 KM auf der Grenze zwischen NSW und Queensland zum Schutz Ihrer Schafe vor den Dingos gebaut wurde. Die gravel road hat sich zu einem wunderschönen, rotsandigen track gewan-delt. Cameron Corner, genannt nach John Cameron, der 1881 diesen Grenzpunkt festlegte, bildet die gemeinsame Grenze dreier australischer Staaten: NSW, SA und Queensland. Auf halbem Weg bis Bollards Lagoon biege ich nach Norden ab in Rich-tung Innamincka. Der track wird enger, um dann nur noch als kaum sichtbare Rei-fenspur durch das rote Land zu führen. Bis zu einem Meter tiefe Furchen lassen an manchen Stellen unschwer erkennen, dass wohl der eine oder andere Fahrer deutlich zu früh nach den Regenfällen hier entlangsteuerte. Ich genieße 180 km angenehm weicher Fahrt durch eine unberührte Landschaft. Fünf festgefügte Häuser, 1 Pub, 2 Zapfsäulen, 1 solarversorgte Telefonzelle und ein öffentliches Toiletten-und Duschhaus, das und nicht mehr ist Innamincka. Zuerst teste ich die Telefonzelle auf Funktion; klar und deutlich meldet sich Thomas in Melbourne: „Wo bist Du, in Innamincka? Nie gehört, wo liegt das. Ich werde nachher mal auf der Karte nachsehen. Ist alles in Ordnung?“ Für 1 AUS $ kann ich ihm über mehr als 2500 km hinweg noch versichern, dass Fahrer und Fahrzeug wohlauf sind. Nach einem ausgiebigen Duschbad, dessen wohltuenden Wert man übrigens durch einen freiwilligen Obulus selbst bestimmen kann, lande ich im Pub, wo auch sonst? Vier angestaubte Figuren sitzen vor einer grossen Zahl leerer stubbies am Tisch in der Ecke, sicherlich die Fahrer der beiden Troopies (HZJ 75) vor dem Eingang.
Neben mir stehen Eric Kronborg und seine Frau am Tresen. Vor 50 Jahren aus Dänemark nach Australien eingewandert baute er zusammen mit seiner Frau eine Angus-Rinderfarm in der Nähe von Holbrook auf. „Aber in den letzten Jahren seien sie jedes Jahr mindestens 4-5 Monate im Jahr unterwegs durch Australien.“ Unauffällig vergleiche ich die Anzahl der leeren Flaschen vor uns auf der Theke mit der auf dem Tisch. Wir haben bereits zahlreiche Themen erörtert, als Eric vorschlägt, ich solle doch mit Ihnen an den Cooper Creek kommen, dort stünde Ihr Wohnwagen. Wie ist es möglich, mit diesem 8,5m Schiff in diese Gegend und an dieses Ufer zu gelangen? Eric lacht! Für das abendliche Lagerfeuer wollen wir Holz suchen! Ich mache mich auf, um Zweige zu sammeln. „Nein, komm her, das machen wir anders.“ Eric schultert die Motorsäge, um dann gekonnt riesige Zweige vom Red Gum zu trennen. „Wenn wir ein Lagerfeuer machen, dann aber richtig.“ Diese Devise legt er offensichtlich überall zu Grunde: Bei der Tiefkühltruhe, die mit unzähligen seiner Angus-Steaks gefüllt ist, beim Stromaggregat, das die Wasserpumpe antreibt und die Leuchten versorgt. Dieser Komfort! Bei mehreren Flaschen guten Roten erzählen Martha und Eric, wo sie dieses Jahr schon waren und wie ihre Reise weiter verlaufen werde. „Jetzt müssen wir aber noch die Angeln auslegen!“ Der Cooper führt auf Grund der diesjährigen, starken Regenfälle recht viel Wasser; unzählige Wasser-vögel tauchen und fischen. Weiße und rosafarbene Kakadus fliegen in Schwärmen auf, um dann wieder auf einem der vielen Red Gums einzufallen und ihr wenig melodisches Gekkern anzustimmen. Ein idyllisches Fleckchen. Das Lagerfeuer lodert hell, kein Wunder auch bei diesen Holzmengen, die Steaks duften auf dem Grill; überhaupt spricht alles dafür, wie von Eric vorgeschlagen, die nächste Woche noch gemeinsam hier zu verbringen. Der Aufstieg ins Dachzelt fällt etwas schwerer als sonst, der australische Rotwein ist wohl schuld daran.
Das Ergebnis ist überraschend gut: An drei Angelschnüren mit jeweils mehreren Haken zappeln vier Yellow Bellies, jeder etwa 1 kg schwer. Frisch gegrillt machen sie das Frühstück zu einer Gourmet-Mahlzeit. Die nächsten 2 Tage vergehen rasch mit faulenzen, baden und erzählen am Lagerfeuer. Eric besteht auf meiner Zusage, ihn auf dem Rückweg in Holbrook zu besuchen, Martha packt mir noch den Kühl-schrank voll mit Steaks, dann bin ich auf dem Strzelecki Track unterwegs Richtung Norden. Auf diesem nach dem polnischen Geologen Paul Edmund de Strzelecki benannten Track wurde einst das Vieh von Innaminca nach Lyndhurst getrieben, um von dort weiter Richtung Adelaide befördert zu werden.

Stuart Stony Desert
Der weiche, rote Sand weicht immer mehr einer harten, steinigen Oberfläche, ich fahre in die Stuart Stony Desert. Eine riesige ebene Fläche, die ähnliche Tempe-raturen aufweist wie ein heißer Grillstein, nur dass eben diese Grillsteine auch noch derart scharfkantig sind, daß ich das erste Mal wirklich um meine Reifen fürchte. Und das zu Recht, wie die tiefen Schnitte in den Laufflächen und den Flanken zeigen. Auf dem Inside Track entlang dem Diamantina River wurden noch bis in die 60-er Jahre riesige Rinderherden nach Süden getrieben, sicherlich begünstigt von den zahlrei-chen, natürlichen Wasservorkommen entlang dieses Weges. Von weitem wird der Sendemast von Birdsville sichtbar, dann fahre ich die einzige Straße entlang durch den Ort. Auch hier beherrschen Pub und Tankstelle das Bild. Nachdem mehr als 200 ltr Diesel in den Tank geflossen sind, schaut der Inhaber doch irritiert unter den Wagen, ob vielleicht irgendwo ein Leck sei? Eine Menge guter Ratschläge für die vor mir liegende Strecke, immer wieder die Mahnung zu vorsichtiger und besonnener Fahrweise, dann melde ich mich beim Polizeiposten ab. Bevor ich jedoch Birdsville verlasse, erhalte ich noch die Einladung, eine Schule der besonderen Art zu besu-chen: School On The Air. Ein kleines Schulgebäude mit einem riesigen Sendemast, aber nur einer Klasse mit 15 Schülern verschiedener Altersstufen; der Unterricht wird per Funk zu den weit entfernt liegenden Farmen übertragen, wo die Farmerskinder in gleicher Weise am Unterricht teilnehmen. Nur zu gewissen Prüfungsterminen müs-sen sie dann persönlich anreisen, bei Entfernungen bis zu 800 km doch recht beschwerlich.
John, der junge Lehrer aus Perth, lädt mich nach Unterrichtsende noch zu dem unvermeidlichen Bier in den Pub ein: Schon 1860 hatten Burke und Wills bei der Erkundung der großen Wüste hier ihr Lager aufgeschlagen. John McKinlay, der ausgesandt wurde, nach Ihnen zu suchen, berichtete bei seiner Rückkehr von den reichen Wasservorkommen in dieser Region. Zahlreiche Siedler brachen daraufhin hierher auf und gründeten die Siedlung, die noch bis 1882 Diamantina Crossing hieß. Nach A.E.Burt, dem Besitzer des ersten Kaufladens am Ort, wurde sie Burtsville, auf dessen Einspruch hin jedoch später Birdsville genannt. Heute leben hier 85 Weiße und in der nahen Umgebung 120 Aborigines. Aber einmal im Jahr, am ersten Wochende im September, erwacht dieser Ort zu unvorstellbarem Trubel. Fast 5000 Besucher reisen aus ganz Australien zum Birdsville Horserace an, die Hauptstraße wird zur runway und zum Parkplatz für Privatflugzeuge. Schon Wochen vorher rollen unzählige roadtrains in den Ort, beladen mit Lebensmitteln und noch mehr Bier. Am Dienstagabend ist der Spuk dann wieder vorbei.

Simpson Desert
The Big Red ist mit etwa 40 m Kammhöhe die erste und höchste Düne der French-line, obwohl ihr noch etwa 1200 weitere bis nach Dalhousie folgen. Da der Wind fast immer aus Westen weht, sind die Dünenkämme nach Osten ausgerichtet, eine Eigenschaft, die ich noch sehr unliebsam kennenlernen sollte. Die Mannschaften dreier Troopies, die wohl gerade von Westen angekommen mittels Handpumpe ihre Reifen wieder auf Normaldruck füllen, raten mir dringend zu niederem Luftdruck. Die 9.00-er irritieren sie schon, und ich bemerke, wie sie mir auf dem Weg nach oben nachschauen. Die Auffahrt ist sandig und so steil, daß ich kaum sehe, wohin ich fahre. Als der Vorderwagen endlich wieder nach unten in die Waagerechte fällt, habe ich es geschafft, denke ich. Vor mir liegt jedoch ein zweites, kurzes Stück, noch steiler und völlig zerfurcht am Grund. Die von der anderen Seite kommenden Fahrzeuge sind wohl jeweils so richtig in dieses Loch reingefallen. Sehr langsam aber stetig kriecht das „Klötzchen“ nach oben. Ein letztes Nachvorne-Kippen und ich bin oben. Ich fahre hinunter in ein kurzes Tal, um dann die nächste Düne wieder hochzukriechen. Rechts und links von mir ist die rote Sandwüste bedeckt mit einem Meer von Blumen in allen Farben. Der wohl in diesem Jahr reichliche Niederschlag hat ein kleines Wunder geschaffen. Durch diese Farbenpracht fahre ich weiter, eine Düne nach der anderen hoch und runter. Etwas mutiger gehe ich nun die Steigungen an, bis ich an einem Kamm um ein Haar gegen eine massive Mauer aus hartge-backenem Erdreich pralle. Der track macht hier eine 90°-ige Biegung nach links, natürlich nicht einsehbar auf Grund der Steigung. Dieser Schreck verlangt nach einer Stärkung. Auf dem nächsten Kamm wacht ein Wüstenbussard, ein lohnendes Motiv. Als er davonschwebt, habe ich zwar kein Bild, dafür aber einen herrlichen Platz zum Lagern. Bei untergehender Sonne bilden die umstehenden Büsche und Krüppel-eichen geheimnisvolle, geisterhafte Figuren mit ausgestreckten Armen und viel-fingrigen Händen.
Poeppel Corner, benannt nach dem Landvermesser Augustus Poeppel, erreiche ich nach unzähligen weiteren Dünen; hier bilden NT, QLD und SA einen gemeinsamen Grenzpunkt. Eine weite Sicht über die sich nach Norden ausdehnenden Salzseen mit ihrer makellos weißen Oberfläche lädt zum Verweilen ein. Über das solarbetriebene Emergency Radio ließe sich im Notfall Hilfe herbeirufen. Eine phantastische Ein-richtung, die sicherlich jeder, der in dieser einsamen Gegend unterwegs ist, sehr zu schätzen weiß.
Nach ca. 750 Dünen halte ich es mit meinem Vorreísenden, der in gekonnter Graphik auf einem Blechschild die Folgen der bisherigen Dünenquerung festgehalten hat: Ein Gebiß, aus dem sich ein Zahn zu lösen beginnt, darunter sein Urteil: Not any further, I’ve got enough and turn North! Um ähnlichen Schäden vorzubeugen, ändere auch ich die Fahrtrichtung. Der tiefsandige Colson Track führt ziemlich genau nach Nord -Westen. 2 Tage lang verläuft er in gleicher Richtung durch das selbe Dünental. Dann verändert sich die Landschaft völlig, die Dünen bleiben zurück und ich fahre hinauf ins Allitra Tableland. Der weite Blick über die endlose Hochebene läßt den schlechter werdenden track für kurze Zeit vergessen. Dann ist er gänzlich zuende, wie weg-gewischt. Mittels GPS und Karte bestimme ich meinen Standort und lege die Rich-tung zur Numery Station fest. Der Abstieg vom Plateau ist deutlich schwieriger als von Weitem erkennbar; über Geröll und durch tiefe Wasserrinnen rutscht und tram-pelt das „Klötzchen“ nach unten. Aber irgendwann ist auch das geschafft und es geht weiter nach Kompaß, Richtung Nord-Westen. Dann die große Überraschung: Inmit-ten vom Nichts lädt ein dam zum Lagern ein. Ein herrliches Bad in wohltemperiertem Wasser und genügend Feuerholz lassen keine Wünsche offen. Spuren im feuchten Uferbereich deuten auf gelegentlichen Besuch von Kamelen, Kängurus und Dingos hin.
Früh am Morgen geht es weiter, immer in der gleichen Richtung. Der Bewuchs wird dichter und höher, schließlich reichen die Wildbüsche und Farne über das Wagen-dach. Hinter mir bleibt eine Tunnelspur durch das dichte Grün zurück, sicherlich aber wird sie sich in kürzester Zeit wieder schließen. Noch immer nicht das geringste Anzeichen, daß schon andere vor mir hier entlang fuhren. Dann endlich einige Rinder im Busch, und ganz zaghaft beginnt der track. Aber noch einmal vergeht fast der ganze Tag, bis ich auf dem Hof der Numery Station stehe. „Woher kommst Du denn, welchen Weg bist Du gefahren?“ Ich beschreibe kurz die Route und lasse drei fürbass erstaunte Farmarbeiter zurück. Ein gut ausgebauter track führt durch die Fergusson Range weiter nach Westen, um dann ca. 30 km östlich von Alice auf die Asphaltstraße zu stoßen.

DOWN UNDER - Von ALICE SPRINGS nach BROO
ALICE
John McDouall Stuart war der erste Europäer, der in den Jahren 1861 bis 1963 Australien von Süden nach Norden durchquerte. Im Verlauf der anschließenden Siedlerbewegung entstand ganz allmählich der Ort Stuart, die einzige Versorgungs-möglichkeit für die umliegenden Farmen im outback im Umkreis von 700 KM. Auch als 1933 der Ortsname in Alice Springs geändert wurde, zählte die Bevölkerung nur wenige hundert Einwohner. Noch bis Ende der 60-iger Jahre gab es keine asphal-tierte Straße von und nach Alice Springs. Heute ist Alice mit ca. 25.000 Einwohnern – davon etwa 6000 Aborigines - eine farbenfrohe und quirlige Oase in den Mac-Donnell Ranges, eine willkommene Gelegenheit, sich nach langen Wüsten-kilometern richtig verwöhnen zu lassen.
Ich beschließe, einige Tage hier zu bleiben und quartiere mich im Stuart Caravan Park ein. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer ins Zentrum. Augenfällig ist zum ersten Mal die große Zahl der überwiegend schlecht gekleideten und oftmals unter Alkoholeinfluß stehenden Aborigines, die sich vor den öffentlichen Gebäuden herum-drücken. Ich stocke meine Vorräte mit allem Notwendigen auf und kehre zum Cam-pingplatz zurück.
Nach einer überraschend kalten Nacht – die Temperatur beträgt am frühen Morgen nur 5° - fahre ich aus der Stadt zu den Alice Springs. Im warmen Sonnenschein genieße ich ein herrliches Bad, um dann in Ruhe ausgiebig zu frühstücken. Auf dem Rückweg besuche ich die Telegraph Station, das Adelaide House, die Old Stuart Town Goal und The Residency. Alles vermittelt ein anschauliches Bild von der frühen Siedlungsgeschichte um 1880. Noch eine kurze Visite bei der Royal Flying Doctor Base und auch dieser Tag war wieder viel zu kurz. Morgen soll es weitergehen.

Uluru und Olgas (Lassetter Hwy.)
Nach einer weiteren, eiskalten Nacht fahre ich die 200 KM auf dem Stuart Hwy nach Süden bis nach Erlunda, von dort aus dem Lassetter Hwy Richtung Westen zum Uluru Kata Tjuta N’t Park. Und dann sehe ich ihn aus der Ferne: ULURU (Ayers Rock – benannt nach dem Generalsekretär Südaustraliens um 1872, Sir Henry Ayers) ein stetig größer werdender, rotbrauner Sandstein-Monolit, der in dieser Land-schaft wie aus einer anderen Welt wirkt. Je näher ich komme, desto beeindruckender sind Form und Farbe. Aus etwa 1000 m Entfernung genieße ich für Stunden die ständig wechselnden Farben. Ähnlich Ameisen mühen sich zahlreiche Touristen mit dem Aufstieg zum Gipfel trotz der Tatsache, daß dieser Berg das wohl bedeutendste Tjukurpa (Dreamtime)-Heiligtum der Anangu (Australische Ureinwohner) darstellt. In der untergehenden Sonne erstrahlt der Felsen noch einmal glutrot, ein faszinierender Anblick.
Am Morgen verlasse ich den Yulara-Campingplatz bereits in aller Frühe. Der Uluru erscheint wieder von anderer Form und Farbe! Das Uluru-Cultural Center zeigt mit seiner Ausstellung überaus anschaulich die Kultur und Tradition der Australischen Ureinwohner. Ein fesselnder Film führt in ausgezeichneter Bild-u.Tonqualität in das ursprüngliche und auch heute noch währende Stammesleben der Jäger und Samm-ler ein.
Noch lange bleibt der Heilige Felsen sichtbar. Nach 40 km taucht eine weitere Fels-formation auf, die Kata Tjuta (Olgas). Zahlreiche, ungewöhnlich gleichmäßig-runde Sandsteinkuppen formen ein bizarres Bild. Forschungen aus jüngster Zeit lassen ver-muten, daß die Olgas und der ULURU nur der kleine, sichtbare Teil eines gewalti-gen, unterirdischen Sedimentgestein-Bettes sind: Oval geformt mit einer Länge von nahezu 100 KM .
Jetzt wird der track deutlich schlechter, die ungleichmäßige, wellblechartige Beschaf-fenheit läßt nicht mehr als 20 Km/h zu. Mein Versuch, durch höhere Geschwindigkeit das sogenannte „Top-Riding“ zu erzielen, scheitert mit einem mächtigen Bums in der ersten langgestreckten Auswaschung.
Nach ca. 90 KM erreiche ich Lassetter’s Cave. Seine Geschichte ist ebenso wie die vieler anderer Abenteurer eng mit der Erforschung Australiens in den 80-iger und 90-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts verbunden. 1897 gelangt John Lassetter auf der Suche nach Rubinen in die Petermann Ranges und findet ein reiches Goldvor-kommen. Schlechte Ausrüstung und widrige Umstände zwingen ihn jedoch zur Um-kehr nach Westaustralien. Erst 1930 kehrt Lassetter hierher zurück; aber auch dies-mal ist er ohne Glück. Seine Kamele laufen davon, er selbst bleibt krank und halb-blind vom Sandsturm in dieser Höhle zurück. Aborigines helfen ihm zu überleben. Sein letzter Versuch, die Olgas und damit mögliche Rettung zu erreichen, scheitert .Er liegt 50 Km von hier entfernt begraben.
Fahrradspuren im Sand; das kann’s doch nicht sein, wer ist denn hier mit dem Fahrrad unterwegs? Vielleicht ein Abo, den der Fortschritt eingeholt hat? Einige Kilometer weiter treffe ich sie dann: Anne und Jeff auf ihren mountain-bikes. Was von ihren Gesichtern noch zu sehen ist, ist mit steifer sunblocker-paste bedeckt. War anfänglich sicher mal weiß, inzwischen hat der feine Sand alles rötlich gefärbt. Ich spendiere kaltes Bier und sie erzählen: Ihre Tour begann vor 7 Monaten in Mel-bourne, dann ging es hinauf nach Cairns, von dort weiter nach Mount Isa, Alice, Uluru, bis hierher ca. 6000 Km. Ganz schön tough! Über Warburton wollen sie den Gunbarrel entlang zur Westküste. Ich fülle ihre Wasserbehälter auf, dann geht’s weiter.

Sandy Blight
Nach kurzer Fahrt erreiche ich die Docker River-Sandy Blight Junction. Die Sandy Blight führt fast geradewegs nach Norden durch eine märchenhafte Gegend: Tief-roter Sandboden, bedeckt mit schwarzen desert oaks. Obwohl das Fahren weich und fast schwerelos erscheint, schlage ich mein Lager am Fuße einer Hügelkette auf. So bin ich leidlich geschützt vor dem noch immer kalten Ostwind. Ich habe die NT be-reits verlassen und bin in WA. Das ungute Gefühl, ohne Permit durch Abo-Land gefahren zu sein, fällt langsam ab. Ein saftiges Steak vom Grill, einige kalte Bier-chen, ein prasselndes Lagerfeuer, es war wieder ein herrlicher Tag.
Schon früh am Morgen bin ich unterwegs. Kilometer um Kilometer geht es auf die-sem herrlich roten Teppichboden dahin. Dann die erste Begegnung mit der anderen Art; fünf wilde Dromedare trotten vor mir entlang. Offensichtlich ziehen sie den Kom-fort eines weichen tracks dem mühsamen Vorankommen durchs Unterholz vor. Nach einer halben Stunde Verfolgungsfahren im Schneckentempo möchte ich weiter; aber keines der Tiere weicht aus. Ich fahre schneller und dichter auf, die Herde beschleu-nigt ebenfalls. Die Fahrt wird schneller, nun bereits um die 30 Km, aber ein Vorbei-kommen ist nicht möglich. Ich bin vielleicht nur noch 10 m vom letzten Tier entfernt, aber kein Gedanke an ein Verlassen des Tracks. Der an erster Position galoppie-rende Hengst streckt sich noch ein wenig mehr, und die Stuten ziehen mit. Als letztes Mittel hupe ich mehrfach und fahre noch dichter auf. Entweder hat der Hengst ein Einsehen oder keine Luft mehr, er schert aus und alle anderen folgen. Noch immer galoppieren sie parallel zum track, bleiben dann aber doch zurück. Nach ca. 100 Km überquere ich den Tropic Capricorn, nach weiteren 50 Km gelange ich in die Abo-Community Kintore. Nur schnell wieder weg von hier, soviel Schmutz und Unrat auf so kleiner Fläche, wie ist das möglich? Eine solche Menge Kunstoffabfälle ist nur vorstellbar auf einer Müllkippe, über die ein Orkan hinweggezogen ist. Schließlich finde ich den Weg aus diesem Chaos und erreiche nach kurzer Zeit die

Canning-Papunya-Road
Der track ist breit und gut geschoben und verläuft in fast genau westlicher Richtung durch immer wieder wechselnde Landschaften; durch sandige Steppe, über Sand-dünen, durch desertoak-Wälder. Am Wege nach Juppiter Well liegt seit fast 30 Jah-ren ein rostroter truck, als Wahrzeichen und Erinnerung an Len Beadell, einen der letzten großen Pioniere dieses Jahrhunderts, der in den 60-iger und 70-iger Jahren maßgeblichen Anteil am Bau nahezu aller tracks in den zentralen Wüsten Australiens hatte. Kurz vor Juppiter Well fahre ich durch eine kleine, beindruckend saubere, aber völlig verlassenene Abo-Siedlung inmitten herrlichen Baumbestandes. Ihre Bewo-hner sind sicherlich wieder auf einem ihrer monatelangen Jagd- und Streifzüge unter-wegs in der Wüste. Die hier eingerichtete, solarbetriebene Telefonzelle ist die mit 3 Mio. AUS$ teuerste Australiens, erfahre ich später.
Der track wird immer schmaler, bis nur noch zwei Spuren die Richtung weisen; und auch die sind teilweise völlig zugewachsen. Auf einem sandigen Teilstück glaube ich frische Reifenspuren zu erkennen, aber weit und breit ist nichts zu sehen. Noch 140 Km bis Gary Junction, dem Kreuzpunkt mit der Canning Stock Route. Die Stunden vergehen und dann erkenne ich weit vor mir 2 Fahrzeuge. Nach weiteren 10 Kilome-tern sitzen wir beim Bier zusammen: Michael und Buffy aus Waipara, NZ, sind zu-sammen mit Ihrem Schulfreund Henry und dessen Frau nach langer Zeit wieder ein-mal quer durch Australien unterwegs, Michael im geliehenen BRITS-bushcamper und Henry im brandneuen Cherokee 4.0. Der Toyota HZJ 75 schlägt sich prächtig, der Amerikaner zeigt im vollbeladenen Zustand in Originalausführung offensichtlich doch manche Schwäche. Henry klagt, er könne kaum schneller als 10-15 Km fahren, ohne einen Feder- oder vielleicht sogar Achsbruch zu riskieren. Die Zeit vergeht schnell, und wir beschließen unser Lager aufzuschlagen; sicherlich auch angebracht, da der reichliche Biergenuß uns schon ziemlich matt gesetzt hat. Zudem verspricht Michael für den Abend Rotwein aus eigenem Anbau.
Noch etwa 100 KM bis Gary . Die Wüste nimmt jetzt mehr und mehr Steppenform an, niederer Pflanzenwuchs, an einigen Stellen unterbrochen von leuchtend roten Sand-partien. Dann wieder Sanddünen, die hier quer zur Fahrtrichtung verlaufen. Selbst den Känguruhs scheint es zu heiß und zu trocken zu sein, ich kann jedenfalls keines der sonst zahlreich vorkommenden Tiere entdecken. Inzwischen hat die Temperatur fast 45° Celsius erreicht, die Luft flimmert, es geht kein Lufthauch. In der Ferne er-scheint mir eine Fatamorgana: eine Windrad, das sich langsam dreht. Es ist tat-sächlich eine windradgetriebene Wasser-Pumpstation.
Der Vorratsbehälter ist voll und ich kann am Überlaufhahn ein herrlich erfrischendes Bad nehmen. Ein solcher Aufwand für die wenigen, vorüberziehenden Touristen? Denn weit und breit im Umkreis von mehr 200 Km ist keine menschliche Ansiedlung. Vielleicht für die nomadisierenden Abo‘s? Dann erreiche ich die Gary Junction, gut gekennzeichnet durch ein großes Hinweisschild. Die Australier sind Meister im Auf-stellen von Schildern an Orten, an denen man solche nie vermutete. Die Karte weist das Well (Bohrloch) 35 an der Canning Stock Route als geeigneten Platz zum Lagern aus: Frisches Wasser, schöne Dünenlandschaft usw. Beim Eintreffen bin ich bitter enttäuscht: Das Well ist zum großen Teil eingebrochen, das Wasser ist abge-standen und sicherlich nicht genießbar, der Platz ein Eldorado für Tausende von Fliegen. Ganz anders hingegen das Well 33, etwa 30 Km südlich gelegen, auf Grund der enormen corrugation aber doch noch fast zwei Stunden entfernt. Alles rappelt, die Anzeigeinstrumente kann ich nicht mehr ablesen, und endlich bricht die GPS Halterung ab. Die Fahrer einer entgegenkommenden Kolonne scheinen mit Ihren Fahrzeugen wie mit Ihren Zahnplomben gleichermaßen zu kämpfen. Hüpfende Toyotas und Nissans, unzufriedene Gesichter hinter den Scheiben. Unglaublich, was die Fahrzeuge aushalten müssen. Dann aber die Belohnung für dieses Desaster, ein wunderschöner Platz zum Lagern nebst einer Windmühle als Wasserpumpe. Daneben auf dem Boden eine Badewanne, ja, eine richtige Badewanne, die wohl ein sozial engagierter Reisender mitgeschleppt hat, um allen Nachfolgenden ein erfrischendes Bad zu ermöglichen! Gerade denke ich darüber nach, ob ich sofort oder erst später baden soll, da biegt ein Troß von Fahrzeugen auf den Rastplatz ein, sicherlich 10 oder mehr unter Führung des Canning Experten Eric Gard. „Come and join us!“ Bald lodert in der Mitte des Platzes ein großes Lagerfeuer, es gibt selbst-gebackenes Brot, herrliche Steaks, Bier fließt in Strömen, und als der erste Durst gelöscht ist, werden die härteren Drogen serviert: Single Malt Scotch macht die Runde; eine Hand, die zu einem Typen mit Vollbart und Pudelmütze gehört, reicht mir eine Zigarre rüber. Alle Achtung, die Jungs wissen auch in der Wüste erstaunlich gut zu leben.
Eric erzählt ausführlich und spannend von der Entstehung der Canning: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollten die großen Rinderfarmer in den Kimberleys ihr Vieh zu den Goldfeldern im Süden des Landes transportieren. Der Abtrieb der Herden nach Derby zur Verladung auf Schiffe wurde wegen der Rinderzeckenplage untersagt. So brach Anfang des Jahres 1907 Alfred Wernam Canning mit 8 Begleitern und 23 Last-kamelen von Perth nach Wiluna auf, um von dort eine mögliche stock route durch fast 1700 Km unerforschten Gebietes nach Halls Creek zu erkunden. Neben der Streckenführung bestand die wichtigste Aufgabe im Auffinden von Wasser, um gege-benenfalls später das Vieh versorgen zu können. Schon im März 1908 brach erneut ein Trupp unter Cannings Leitung auf, der entlang der bereits festgelegten route nun insgesamt 51 Bohrlöcher niederbrachte und sie entsprechend ausbaute. Bedenkt man, unter welchen Umständen die Männer arbeiteten – Hitze, Trockenheit, ungenü-gende Verpflegung, Kämpfe mit feindseligen Abo‘s - so kann man ihre Leistung gar nicht hoch genug einschätzen. Noch bis Ende der 50-iger Jahre wurden Viehherden auf der Canning nach Süden getrieben, wenn auch nicht in dem Maß wie ursprüng-lich geplant. Heute stellt die Canning Stock Route die wohl größte Herausforderung für Australiens ambitionierte Off-Roader dar. Eric hätte auch noch den verbleiben-den Rest der Nacht packend weitererzählen können; durch den Kauf seines Buches sichere ich mir jedoch die kurze Zeit bis zum Morgengrauen zur Nachtruhe.
Die Sonne steht schon hoch, als ich aus meinen Dachzelt krieche. Alle Fahrzeuge sind weg, die Feuerstelle ist mit Sand zugeschüttet; keine Dose, kein Papier liegt herum, der ganze Platz sieht aus wie frisch gekehrt. Alle Achtung! Als erstes stürze ich mich in die Badewanne; das Wasser strömt fortlaufend frisch hinein. In den Büschen rings herum tummeln sich unzählige, bunte Sittiche, es schnattert und zwit-schert herzerfrischend. „Du fährst 3 Km auf der Canning nach Süden bis zur Telefonzelle, dann biegst ab auf den

Kidson Track
nach Westen“, hatte mir Eric noch mit auf den Weg gegeben. Die Aussage über die Telefonzelle hatte ich für einen Aussie-Witz gehalten, aber sie steht tatsächlich dort, Ich biege ab nach Westen; bis zum Sandfire Roadhouse am Great Northern Hwy liegen noch fast 950 Km vor mir; ohne menschliche Ansiedlung, ohne jede Möglich-keit, Wasser oder Treibstoff zu erhalten. Der Track läuft deutlich sichtbar als rote Doppelspur ziemlich genau nach Westen. Auf dem weichen Sand komme ich gut voran. Dann wird das Gelände steiniger, es geht stetig bergan auf‘s tableland, bis der Track schließlich gar nicht mehr zu sehen ist. Nach fast 70 Km ohne jede sichtbare Spur kommen mir doch erste Zweifel, ob ich noch auf dem rechten Weg bin? Aus der dicken Rolle der 250.000-er IGN-Karten fische ich die richtige heraus, wobei sich der Rest in wildem Durcheinander verselbstständigt. Daran muß ich wohl noch arbeiten! Ich wickele das GPS-Gerät aus dem schützenden Handtuch - die Halterung war bei dem fürchterlichen Gerappel auf der Canning gebrochen – und verfluche laut den Umstand, daß dieses noch ein Modell ist, das nur im Fahrbetrieb brauchbare Daten erzeugt. Also verfrachte ich den Wust von Karten in den Wagen, fahre einige hundert Meter weiter und verfüge endlich über die notwendigen Koordinaten; auf die Karte übertragen stelle ich mit Erleichterung fest, daß ich nur einige Kilometer zu weit süd-lich abgekommen bin. Nach weiteren 35 Km ändert sich die Beschaffenheit des Geländes erneut, der steinige Untergrund wird weicher und sandiger. Dann treffe ich wieder auf den track, der jetzt parallel zu den Dünen verläuft. So fahre ich mehr als 100 Km zwischen den näher heranrückenden Dünen entlang, bevor ich sie das erste Mal queren muß. Von einem Dünenkamm sehe ich weit vor mir in der Ebene Kamele lagern. Vier sonnenverbrannte Figuren, alle weit über die 60, sind mit 6 Kamelen anläßlich des hundertsten Jahrestages einer Expedition, deren Name ich leider ver-gessen habe, von Broome aufgebrochen, um die fast 2500 Km quer durch die Great Sandy, Gibson und Great Victoria Desert nach Norseman zu überwinden; aber nicht etwa auf dem Rücken der Kamele, sondern zufuß. Die Lasttiere tragen lediglich die Ausrüstung und das Wasser. Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis dann die widerspenstigen Tiere gesattelt und bepackt sind. Dem abziehenden Trupp schaue ich noch eine ganze Weile nach und kann gar nicht so recht fassen, was ich gerade erfahren habe! Ich mache mich wieder auf den Weg, inzwischen ist es früher Nach-mittag und mit 48° unglaublich heiß. Nach weiteren 4 Stunden Fahrt entlang dersel-ben Düne schlage ich das Lager auf.
Dieser Kidson Track beansprucht doch offensichtlich weit mehr Zeit als angenom-men. Noch 4 weitere Tagen bin ich in der Great Sandy unterwegs, bis ich endlich auf das Asphaltband des Hwy No 1, den Great Northern, stoße. Nach mehr als 1650 Km track ohne Versorgungsmöglichkeit überkommt mich ein Gefühl der Erleichterung und zugleich Freude: Ken und auch alle anderen hatten mir abgeraten, diese Route allein zu befahren. Mein Argument, gut ausgerüstet zu sein und umsichtig zu fahren, wollten sie nicht gelten lassen. Nach nur 45 Km taucht das Sandfire Roadhouse auf. Beim Tanken stelle ich fest, daß ich noch für 300 Km Diesel in Reserve habe. Noch einen warmen pie und ein kaltes stubbi, dann gilt es die letzten 310 Km bis Broome auszusitzen, 3 Stunden ungefähr mit aktiviertem Tempomat. Bei Einbruch der Dun-kelheit fahre ich am Airport vorbei und folge dem Hinweisschild zum Campinplatz. Heute bleibe ich dort, aber morgen werde ich an die Cable Beach fahren und weiter-sehen.
Aber das ist dann wieder ein andere Geschichte!


DOWN UNDER - Von BROOME nach DARWIN III
BROOME
Die Nacht auf dem Campingplatz war doch sehr unruhig: Bis gegen Mitternacht dröhnte die Musikanlage. Ich bin ziemlich gerädert, doch bei einem reichlichen Früh-stück kehrt die gute Laune schnell zurück. Neben mir bruzzelt es ebenfalls an der Rückseite eines roten HJ 60: Paul und seine Frau sind aus Brisbane hierher gekom-men. Leider haben die Pisten ihren Tribut gefordert in Form einer gebrochenen, hin-teren Blattfeder. Wir suchen die örtliche ARB-Niederlassung auf, wo man ohne Um-stände eine Neue einbaut. Paul ist sichtlich erleichtert. Gegen mittag fahren wir zur Cable Beach. Die Zufahrt zum Strand liegt genau dem Cable Beach Club gegenüber. Zur linken Seite hin sind Fahrzeuge aller Art verboten, doch nach rechts erstreckt sich kilometerweit der Strand bis zum Horizont, fast menschenleer und jetzt bei Ebbe sicherlich 1500 m breit. Das Wasser leuchtet türkisfarben, erst sehr weit draußen wird es dunkler. Weit oben am Dünenrand lagern wir. Und nun kommt auch das portable solarpannel zum Einsatz und lädt mit 65 W. Ken hat schon in Melbourne von diesem Strand geschwärmt; aber das hier muß man mit eigenen Augen sehen, um die wirkliche Schönheit zu erfassen. Der Tag vergeht geruhsam mit sonnen und baden im 28° warmen Wasser. Spät am Nachmittag beginnt die Flut, das Wasser wieder höher den Strand hinaufzuschieben. Paul drängt zum Aufbruch,! Ich packe alles zusammen, und dann ist es auch höchste Zeit zurückzufahren. Unsere Fahr-spuren liegen schon im Wasser, wir fahren dicht unterhalb der Dünen entlang. Mittags konnten wir uns noch den einfachsten Weg um die Felsen vor der Zufahrt herum suchen, jetzt müssen wir mühsam über diese hinwegklettern. Paul weist auf den einzigartigen Sonnenuntergang hin und wir bleiben auf dem Parkplatz vor der Clubanlage. Zwei riesige Reisebusse fahren vor und spucken eine geballte Ladung asiatischer Touristen aus. Die schußbereiten Kameras weisen sie als Japaner aus. Der Sonnenuntergang ist aber auch ein faszinierendes Schauspiel: Erst langsam, dann immer schneller senkt sich der Sonnenball auf das Meer. Die einbrechende Dunkelheit verstärkt den Kontrast. Der Horizont scheint in Flammen zu stehen, der glutrote, runde Ball senkt sich tiefer und tiefer, bis nur noch eine rote Linie verbleibt. Vor diesem Licht stehen die Palmen in unnatürlicher Schärfe, selbst der Zaun er-wacht zu einem Eigenleben. Auf jedem Holzpflock sitzt eine Möwe. Ein phantas-tisches Bild. Die Asiatenschar strebt zum Bus, die Türen fallen zu und der Spuk ist vorbei. „Das geht hier immer so, Du kannst Deine Uhr nach den Japanern stellen!“ Ich schaue noch eine ganze Weile in die dichter werdende Dunkelheit; langsam leert sich der Platz. Wir beschließen gleich hier zu übernachten, wenn wir auch erst sehr viel später ins Zelt kriechen. Später klopft es noch verschiedene Male, neugierige Aussies fragen nach, wo denn das SCHMUDE-Dachzelt erhältlich sei.
Früh morgens fahren wir wieder hinunter zum Strand; die Ebbe hat bereits einge-setzt, aber noch immer ist der Sand schwer und naß. Diesmal suchen wir uns einen Platz in den Dünen; wir wollen die nächsten Tage und Nächte dort verbringen. Zwar gibt es hier kein Feuerholz, aber wenigstens sind wir so ausreichend vor der Flut ge-schützt. Die Tage vergehen mit faulenzen, baden und langen, feuchten Abenden. Immer wieder muß ich lachen, wenn ich die Aussies am Strand sehe, Männlein wie Weiblein völlig unbekleidet bis auf den Hut! Natürlich, denn Schutz vor der Sonne (Ozonloch) muß schließlich sein. Besser gefällt mir da schon ein junger Mann, der gekonnt seine Frisbee-Scheibe wirft und dessen Blueheeler-Hund diese noch ge-konnter im Sprung in der Luft aufnimmt! Eine ganze Zeit sehe ich dem Spiel zu, Herr und Hund werden nicht müde!
Morgen müsse er wieder los, überrascht mich Paul beim Frühstück. Auch dieser Tag vergeht wie im Flug. Paul gibt mir noch eine Menge Tips, wohin zu fahren und was zu sehen. Er besteht darauf, daß ich ihn auf der Rückfahrt doch unbedingt in Brisbane besuchen solle. Abends wird wie üblich tüchtig gefeiert.
Während der nächsten Tage sehe ich mir Broome an. Der Ort offenbart auch heute noch bei jedem Schritt seine Vergangenheit: Gegründet um 1880 wurde er durch sei-ne Perlenfischerei schnell weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Um 1910 wurden von hier fast 80° des gesamten Weltbedarfs an Perlmutt gedeckt. Obwohl die Leitung der verschiedenen Handelsfirmen in den Händen weißer Direktoren lag, wurde doch die schwierige und gefährliche Arbeit hauptsächlich von japanischen, indonesischen und malayischen Tauchern wahrgenommen. Ein beredtes Mahnmal dieser Zeit stellt der japanische Friedhof im Herzen der Stadt dar und erinnert daran, daß zahlreiche Taucher durch unerwartet hereinbrechende Stürme auf See ums Le-ben kamen. Erst als Mitte der fünfziger Jahre die Bedeutung der Zuchtperlen immer mehr zunahm, versank Broome in eine wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit. Ca. 6000 Einwohner, gut ein Drittel asiatischer Abstammung, führen heute hier ein recht beschauliches Leben.
Im Historical Society Museum, das im vormaligen Zollhaus untergebracht ist, treffe ich Margret, eine frühere Lehrerin, die heute den Besuchern gern erklärend zur Seite steht; nach meinem Rundgang durch die anschauliche Ausstellung bitte ich sie um Ihren Rat, welche Sehenswürdigkeiten sie mir noch zur Besichtigung empfehlen könne. So gerüstet mache ich mich auf zum Gantheaume Point, wo bei Ebbe die un-geheuren Fußabdrücke eines Dinosauriers sichtbar werden. Am Nachmittag fahre ich zum Crocodile Parc von Malcolm Douglas. Leider ist dieser zur Zeit in den Kim-berleys unterwegs, um ein Krokodil einzufangen, das den Farmern dort einigen Ver-druß bereitet, indem es Rinder und Haustiere schlägt. Im Park befinden sich ca. 150 Tiere unterschiedlicher Größen: Sweetwater-Crocs mit langen, schmalen Mäulern, die sie als geschickte Fischfänger ausweisen, ungefährlich für den Menschen; aber auch die Salties mit den breiten kurzen Kiefern, die bis 7m lang werden können und vor denen überall im Norden gewarnt wird. Das größte Tier im Park ist mit etwa 6m wirklich furchteinflößend. Malcolm hat auch dieses im Auftrage der Regierung hoch im Norden eingefangen, nachdem es Menschen anfiel und von den Farmern angeschossen wurde. Der Rundgang ist bald beendet und ich fahre wieder zurück zum Strand.
Cape Leveque
Strandnachbarn machen mich auf die schwelenden Buschbrände aufmerksam, die zu beiden Seiten des tracks immer wieder aufflammen. Dennoch, ich bin seit mehr als 14 Tagen in Broome und will wieder los! Aber hierher werde ich irgendwann noch einmal zurückkehren!
Die Fahrt verläuft angenehm auf einer Asphaltstraße, jedenfalls die ersten 30 KM; dann aber ist der Komfort beendet, der track beginnt. Hier ist sicherlich seit langer Zeit kein grader mehr im Einsatz gewesen, die Bodenwellen sind unangenehm tief ausgewaschen, Kurven verlangen höchste Aufmerksamkeit. Und nun wird auch der zu beiden Seiten aufsteigende Rauch dichter, kleinere und größere Feuer leuchten rot durch den bereits verbrannten, schwarzen Busch. Jetzt noch ein kräftiger Wind-stoß, und alles würde hell aufflackern. Die Rauchschwaden haben sich derart verdichtet, daß ich stellenweise den track nicht mehr sehe. Meine Augen brennen, der Hustenreiz wird immer stärker und ich denke ans Umkehren. Flammen züngeln jetzt dicht am Rand des tracks; nur noch 35 KM bis Beagle Bay Mission, zurück wäre es die doppelte Entfernung. Und als habe irgend jemand ein Einsehen, ist der Spuk nach wenigen Kilometern vorbei. Von Beagle Bay ist weit und breit nichts zu sehen. Zahlreiche Pfade zweigen vom track in verschiedenen Richtungen ab. Nach einigem Suchen stehe ich vor dem Gemeindehaus. Eine freundliche Verwalterin gewährt mir gegen Zahlung von 3 AUS $ Zutritt zur Gemeinde: Einige Hütten, zwei, drei festge-baute Häuser und eine Kirche. Im Innern schimmert alles silbern, das schwarze Gestühl bildet einen schönen Kontrast, Ein alter Mann tritt stark gebeugt ein, in der Hand einen großen Küchenwecker: Armin ist seit über 40 Jahren in der um 1890 gegründeten Trappisten-Mission als Laienbruder zuständig für die Instandhaltung der technischen Einrichtungen wie den uralten LKW, die Wasserpumpe, die Pflugscha-ren und sonstige Geräte. Jetzt mit 87 habe ihn die Bruderschaft nach Deutschland zurückrufen wollen. „Aber er könne doch nach so langer Zeit seine Gemeinde nicht verlassen, er liebe dieses Land und seine Menschen, also wolle er auch hier begra-ben sein. Und so habe er die Erlaubnis erhalten, weiterhin zu bleiben. Er müsse nur jeden Tag zweimal zu festen Zeiten die Glocke läuten. Den Wecker brauche er zur Zeitbestimmung, seine Augen seien schon sehr schlecht.“ Und er erzählt von der Zeit vor 40 Jahren, wie sie diese Kirche in völliger Handarbeit erbauten: Seine „Kinder“ hätten die Wände errichtet, Perlmutt gesammelt und alles ausgeschmückt, die Bänke von Hand geschnitzt, alle seien fröhlich gewesen, halt wie eine große Familie. Jeden Monat einmal sei er mit dem LKW nach Broome gefahren, um Vorräte zu holen, und dabei oft unterwegs mit seinem Fahrzeug liegengeblieben. Nach einem Blick auf seinen Wecker verabschiedet er sich, er müsse nun bald läuten und geht schlurfend hinaus. Bei der Abfahrt höre ich die Glocke tönen.
Bis zum Cape verbleiben noch 55 KM und kurz vor Sonnenuntergang komme ich an. Entgegen meiner Erwartung sind doch einige Fahrzeuge hier. Der Platz ist mit Gras bedeckt, alles erscheint sehr gepflegt. Ireen und ihr Mann Mike weisen mir einen Standplatz zu und laden mich für den Abend zum Grill ein! Mud Crab Dundee hat auch diesmal wieder reiche Beute eingesammelt und wir schwelgen im Genuß dieser Delikatesse: Große, anthrazitfarbene Krebse, die sich vornehmlich in schwarzem Schlamm aufhalten.
Drei Tage bleibe ich im Camp und verbringe die Zeit mit teils erfolgreichem Hoch-seeangeln. Aber dann will ich doch weiter nach Derby. Alle Karten weisen als einzig möglichen den Weg aus, den ich bereits hergefahren bin. Nur ein kleiner track führt entlang der Küste nach Süden. Nach etwa 15 Km komme ich nach One Arm Point; ein recht neuer Hilux hält neben mir und ich mache die Bekanntschaft des Chiefs, der mein Permit zu sehen wünscht! Obwohl ich kein solches habe, gestattet er mir nach vielen Fragen nach dem Woher und Wohin schließlich doch die Weiterfahrt und zeigt mir freundlich den Weg zum Point. Kleine Hütten aus Zweigen und Blättern wei-sen diesen Ort als Jagd- und Fischcamp der Abo’s aus. Überall liegen die leeren Panzer der Seeschildkröten herum. Feuerstellen zeigen an, daß diese nach erfolg-reicher Jagd sofort an Ort und Stelle verzehrt werden. Ich folge dem track weiter nach Südosten, immer der Küste entlang, bis er dann plötzlich abbricht. Selbst zufuß kann ich keine Fortsetzung entdecken und entschließe mich, so lange wie möglich der Küstenlinie zu folgen. Ich holpere also für einige Stunden durch niederes Busch-werk auf steinigem Boden dahin, bis ich auf eine frische grader-Spur entlang eines Viehzaunes stoße. Trotz 90°-iger Richtungsänderung genau nach Westen folge ich dieser Trasse, verspricht sie doch ein besseres Vorankommen. Nach etwa 25 Km ist Zaun und Trasse zuende und ich fahre erleichtert auf die schon bekannte gravel road nach Beagle Bay auf.
Früh am Morgen komme ich an den Great Northern Hwy und erreiche nach 230 Km

Derby
dereinst die Viehmetropole der Kimberleys. Über die auch für heutige Verhältnisse noch beeindruckend große Kaianlage, die Ende des 19.Jahrhunderts aus Stahl und Holz weit ins Meer hinaus gebaut wurde, erfolgte die Viehverladung in die „alte“ Welt. Das Städtchen wirkt heute wie ausgestorben. Beim Ausfahren halte ich noch am Prison-Tree, einem gewaltigen Baobab mit 14 m Umfang, in dessen hohlen Innen-raum die Delinquenten über Nacht eingesperrt wurden, um sie dann früh am Morgen zur Gerichtsverhandlung nach Derby zu bringen! Nach etwa 10 km beginnt die Gibb River Road, die erst nach fast 700 km kurz vor Wyndham wieder am Great Northern Hwy. enden wird. Aber bis dahin werden noch zahllose, geflutete Creeks zu queren sein, schlechte Wegstrecke und unzählige Kurven werden das Fahren erschweren! Die ersten 70 km sind schnell auf asphaltierter Bahn zurückgelegt, der Wechsel er-folgt abrupt in einer Staubwolke, aus der plötzlich ein Fahrzeug auftaucht. Nach weiteren 50 KM schlechtester Wegstrecke verlasse ich die Gibb, um im

Windjana Gorge N’l Park
zu übernachten. Das Camp besteht aus einem riesigen Platz mit lichtem Baum-bestand vor einer Felswand mit beeindruckenden Ausmaßen. Feste Feuerstellen und sanitäre Anlagen mit fließendem Wasser machen den Aufenthalt überaus angenehm. Kurz vor Sonnenuntergang fährt ein Ranger-Pickup durchs Camp: Für die Übernach-tungsgebühr von 5 AUS $ darf ich nach Belieben Feuerholz vom Fahrzeug laden.
Nach einer herrlich frischen Morgendusche folge ich dem Rat des Rangers und wandere auf die Felswand zu, bis ein schmaler Spalt durch die Felsenburg den Weg freigibt in ein kleines, aber außergewöhnlich schönes Tal, durch dessen Mitte sich der Gorge River schlängelt. Auf der einen Seite senkrecht aufragende Felsstruktu-ren, auf der anderen ein sandiges Ufer mit weit mehr als 100 jungen Sweetwater- crocs, keines größer als 2 m. Ein Anblick zum Verweilen und Genießen!
Die Gibb windet sich höher und höher durch Gebirgsmassive hinauf. Das Ende einer jeden Kurve gibt den Blick frei auf wunderschöne, in Farbe und Form stets wech-selnde Landschaften, jedenfalls solange, bis der nächste Creek mich mit einem lau-ten Bums in die Gegenwart zurückholt. Nach 4 Stunden und 160 km bietet sich ein wunderschöner Platz als Camp an. Bald brennt das Lagerfeuer, Fleisch brät auf dem Grill und das erste stubbi ist geleert, als sich ein lautes Summen erhebt. Ich bin um-geben von unzähligen Fliegen, die sich gierig auf alles stürzen, was sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann. So wird’s nichts mit dem geruhsamen Abend am Feuer! Ich lösche es aus, überlasse das Fleisch seinem unbestimmten Schicksal und verschwinde im Dachzelt! Entsprechend früh werde ich wach, setze Kaffeewasser auf und will in Ruhe das gestern Versäumte nachholen. Kaum aber wird es hell, bin schon wieder umgeben von diesem Heer von Fliegen. Also schnell zusammenpak-ken, mit oder ohne Fliegen, und los, frühstücken kann ich später. Noch oft denke ich an diesen Platz und frage mich, wie alles wohl verlaufen wäre, wenn sich Mücken statt der harmlosen Fliegen auf mich gestürzt hätten? Die Gibb ist lange nicht gegra-ded worden und entsprechend ist der Zustand: Corrugation der Größe 05 bis 10 wechselt mit langen Auswaschungen, kurzen aber steilen creeks und immer wieder haarsträubend engen Kurven. Ich fahre tiefer hinein in die

Kimberleys
ein Gebiet weit größer als Großbritannien und doch nur von wenig mehr als 30.000 Menschen bewohnt. Viele Fundstätten prähistorischer Kunst lassen darauf schlie-ßen, daß die australischen Ureinwohner aus Asien kommend vor ungefähr 18.000 Jahren zuerst hier an Land gingen! Die Entdeckung durch Weiße erfolgte im 17. Jahrhundert, doch erst im 19.Jahrhundert begann allmählich eine Besiedlung. Na-men wie Buchanan, Durack und McDonald haben auch heute noch einen beson-deren Klang, waren und sind doch diese Familien die Rinderbarone der Kimberleys. Neben der heutigen überwiegenden Nutzung als Weideland für riesige Rinderfarmen
sind der Abbau reicher Eisenerzvorkommen auf der Insel Koolan, die Bauxitförde-rung auf dem Mitchell Plateau sowie die Gas- und Erdölförderung vor der Küste er-wähnenswert.
Gerne hätte ich noch einen Abstecher hoch in den Nordwesten zu den Mitchell Falls und nach Kalumburu unternommen, aber die verbleibende Zeit erlaubt dies nicht. Also nehme ich mir vor, auf meiner nächsten Tour durch die Kimberleys eines der für Australien so typischen Aluminium-Boote mitzuführen, um die vielen gorges und gulfs ausgiebig zu erkunden. Nach weiteren drei Tagen stoße ich am späten Nach-mittag kurz vor Kununurra wieder auf das Asphaltband des Great Northern Hwy. Gerade rechtzeitig fahre ich auf den örtlichen Campingplatz. Es ist hier oben nicht ratsam, während der Dunkelheit unterwegs zu sein: Road Trains mit Ihren 3 Hängern und einer Gesamtlänge von bis zu 65 m donnern wie rasende Lichterbäume durch die Nacht, wobei der letzte Hänger immer eine besondere Eigendynamik entwickelt. Nicht selten befinden sich Rinder oder Känguruhs auf der Fahrbahn, die – einmal vom Lichtkegel erfaßt – bewegungslos dort verharren. Angesichts der schweren bull-bars wird die Aussage eines Truckers nur allzu verständlich, wenn er vom Zusam-menstoß als „hamburgern“ spricht. Für mich könnte schon ein Zusammentreffen mit einem großen roten oder grauen Känguruh fatale Folgen haben.
Schon früh am Morgen bin ich wieder unterwegs. Noch sind es 540 KM bis nach Kathrine, auch auf dem wirklich gut ausgebauten highway mindestens 7 Stunden Fahrt. Nach 45 KM verlasse ich WA und bin nun im NT. Die Landschaft verändert sich, das bisher vorherrschende Gelbbraun wird immer häufiger von grünen Tupfern unterbrochen, Eukalyptus-Bäume mit Ihren hellen Rinden bilden schattenspendende Alleen. Teilweise ist die Fahrtstrecke so einförmig, daß mich am hellichten Tag Mü-digkeit überfällt. Nur ein gelegentlicher Halt an den wenigen Pubs hält mich aufrecht!
Fast schnurgerade zieht sich der highway von Willaroo die letzten 125 km bis Kath-rine hin. Der magischen Anziehung des Einkaufszentrums kann ich nicht widerstehen und ergänze meine Vorräte. Noch ein Eis beim Italiener, und alle Müdigkeit ist ver-flogen. Es ist früher Nachmittag, ich sollte den

Kakadu National Park
noch erreichen können. Kurz hinter Pine Creek biege ich auf den Kakadu Hwy. ab, bleibe dann aber über Nacht am Mary River Roadhouse. Nach mehr als 675 km bin ich rechtschaffen müde und früh im Zelt! Bei Sonnenaufgang stehe ich am entrance gate zum Kakadu. Auf der Fahrt zum 140 Km entfernten Malabanijbanjdju Camp – ich versuche erst gar nicht, den Namen richtig auszusprechen – passiere ich den Abzweig zu den Jim Jim Falls, der mir vom warden am gate ausdrücklich zur Besichtigung empfohlen wurde. Der track ist schmal und steinig, immer wieder muß ich kleine creeks durchqueren. Die Kennzeichnung „4WD only“ trägt er zu Recht, immerhin benötige für ich für 60 Km mehr als 2 Stunden. Noch ein kurzer Fußmarsch und ich bade in einem herrlich klaren See, der von einem 250 m senkrecht herab-stürzenden Wasserfall gespeist wird. Das Wasser prasselt mir auf den Rücken, ein wahres Vergnügen bei einer Lufttemperatur von fast 40!°. Immer mehr Touristen treffen ein, und bald hallt die ganze area wieder von lautem Stimmengewirr. Eigentlich schade, aber auch wieder verständlich. Ich fahre weiter zu den nur 15 KM entfernt gelegenen Twin Falls und treffe auf 4 Aussies, die offensichtlich hier ge-campt haben. Auch wieder ein kleiner See mit glasklarem, kühlem Wasser. Zwei klei-nere, dicht nebeneinander liegende Fälle stürzen herab. Die weißsandigen Ufer bil-den einen schönen Kontrast zum dunkelgrünen Regenwald. Die Zeit vergeht wie im Flug. Rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit habe ich meinen Rastplatz im Camp bezogen: Eine große Lichtung inmitten dichten Regenwaldes, gemauerte Feuer-stellen – ohne Feuer geht der Aussie nie ins Bett -, und saubere, sanitäre Anlagen in kleinen Holzhütten. Für 5 AUS$ bekomme ich von warden Annie ausreichend Brenn-holz. Trotz Dämmerung und den dazugehörigen Mücken ist sie scheinbar unbehelligt in shorts unterwegs. RID sei die Lösung zum Problem, erhältlich im shop in Jabiru. Sie erzählt mir noch eine ganze Weile vom Kakadu: Mit einer Fläche von ca. 200 x 100 Km ist der „Gagadju“ Lebensraum für eine große Zahl von Säugetier-, Reptilien-, Fisch-, Insekten- und mehr als ein Drittel aller in Australien vorkommenden Vogelar-ten. Mehr als 5000 Aboriginal-Felsenmalereien, vom einfachen Handabdruck bis hin zur komplexen Darstellung von Tieren, Menschen und Fabelwesen und zum Teil bis zu 20.000 Jahren alt, bilden wohl der Welt größte Sammlung dieser Art. 4 Flußläufe und unzählige Billabongs verleihen der Landschaft während der Trockenzeit zudem etwas Liebliches. Beginnt im November jedoch die Regenzeit, versinkt ein Großteil des Parks im bis zu 3 m ansteigenden Wasser. Aber auch hier zeigt sich beim Abbau von Uran-Erz in der Ranger Uran Mine, wie es ist, wenn zwei Welten aufeinander-prallen.
Irgendwann besinnt sich Annie darauf, daß auch noch andere Reisende auf Brenn-holz warten. Aber eine boat tour solle ich doch unbedingt machen, ruft sie mir beim Abschied zu. Spät abends fährt noch ein OKA-Bus auf die Lichtung, aus dem eine erstaunliche Anzahl europäischer Touristen klettert. Im Dunkel mühen sie sich mit dem Aufstellen ihrer Zelte, der Hänger verwandelt sich in eine Großküche. Ich schaue noch lange in den sternklaren Himmel ...
Kurz nach 7.00 Uhr bin ich bereits an Bord eines der vier langestreckten Auminium-Boote. Wir befahren den Yellow Water, viele miteinander verbundene Flußarme und Billabongs. Zahlreiche Wasserlilien bilden einen dichten Teppich aus grün, weiß und gelb, dann wieder gleiten wir durch dichte Mangrovenwälder oder unter weitausla-denden Urwaldriesen dahin. Dunkle Schatten im Wasser verschwinden rasch beim Näherkommen, nur einmal läßt uns ein Krokodil ganz dicht heran, bevor es abtaucht. Kormorane trocknen ihr Gefieder in der Sonne, ein Weißkopf-Seeadler hält von ei-em mächtigen Zweig Ausschau nach geeigneter Beute. Pferde grasen auf den wei-ten Grünflächen, zahlreiche Reiher stolzieren zwischen ihnen umher. Drei Stunden erweisen sich als viel zu kurz, ich könnte tagelang hier umherfahren.
In Jabiru, dem 1600 Einwohner zählenden Mittelpunkt des Parks, glaube ich in einer anderen Welt zu sein. Geschäftiges Treiben am shopping center, eine eiskalte lounge im Gagadju Crocodile Hotel, nichts was mich hier hält. Kurz vorm Ortsaus-gang kann ich dem Duft frischen Brotes und ebensolcher Pies nicht widerstehen. Eine Bäckerei bietet ihre Produkte ofenfrisch an. Der Abstecher hat sich also doch gelohnt. Ich bleibe noch einige Tage im Park und lasse mich von einer Sehenswür-digkeit zur anderen treiben: Ubirr und seine vielen bushman-paintings, Nourlangie Rock mit den Felsmalerei-Gallerien Anbangbang und Nanguluwur. Beeindruckend auch mit seiner Größe das Band der Arnhemland-Klippen, eine Sandsteinformation, die sich über 500 km im Halbkreis durch den Kakadu und Arnhem hinzieht und dabei bis 200 m senkrecht abfällt. Ich bedauere immer wieder, kein Boot mitzuführen; auf den vielen, fischreichen Gewässern könnte ich den Kakadu noch weit besser erkun-den.
Meinen Plan, auf die hoch im Norden liegende Coburg Halbinsel zu fahren, gebe ich auf, als ich höre, daß die hierzu erforderlich permits einer strengen Kontrolle unter-liegen und im Fall eines Verstoßes gegen diese Auflage die verhängten Geldstrafen gefährlich nahe an die AUS $ 500 reichen können. Auch die Alternativ-Route von Jabiru aus nach Südosten quer durch Arnhem Land birgt die gleichen Risiken. Also fahre ich auf dem Arnhem Hwy. in Richtung Nordwesten und erreiche nach 250 KM Darwin.

Aber da beginnt wieder eine andere Geschich
te!

Artois

 

 

 
 

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